Publikationen
Gedichte
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wieder waldgänger werden
abtauchen ins horizontlose
sich einwurzeln in die rhizome
myzeliennetze flechtenfelder
farnspiralen der pfade gestrüpp
erschnüffelnd weitere wege weben
von den bäumen den atem abschauen
vom ozelot den schattenblick
der fledermaus das echolot
praying mantis im geäst erkennen
waldhaltig einrinden ausblättern
mitbrennen wenn es brennt
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das lied vom ticken
hörst du es
das ticken das tropfen
das rinnen und rauschen
das wasser am steigen
steigt uns an die hälse
wo bleibt unser boden
hörst du es
das ticken das zittern
das haardünne reißen
im lehm und im innern
verknotet die bahnen
verdorren verwehen
hörst du es
das ticken das tropfen
das klicken der zähler
in bildern geflimmer
jetzt noch ist nicht immer
wie geht das
bewahren
halt ein
halt ein
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pferd sagt der hirsch: leihst du mir
deine rückenlinie zur
hellen bauchfellabgrenzung
wir führen sie weiter zum löwen
damit er sich konturen ins gesicht zeichne
ineinandergeflochten sind wir
im höhlendunkel
eines weniger ohne das andere
erst miteinander voneinander
zu unterscheiden
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wir sind die zwischenwesen
weder
jung noch alt
die dies nicht mehr
und doch noch nicht
verschwinden wollen
wir tragen unsere lippen rot vor uns her
wir kleiden uns mit freiheit und straffen
die muskeln ein wenig wenn’s passt
wir kennen unsere weichen stellen
sind geschickt im kaschieren
oder zeigen mit absicht was abweicht
wir sagen ja und nein
wir haben wörter und
silbernen nachdruck
und manchmal einen marmeladenmund
wir halten viele bälle in der luft
malen damit muster nach lust und
schwerkraftgesetz
wir jonglieren die müdigkeit und unsere tage
sitzen abends auf türschwellen
und fangen uns auf
die flur ist ganz unsre die bäume
noch nicht alle
gepflanzt
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im traum bist du ein samurai
tanzt barfuß im ausfallschritt
den strand entlang
die ganze insel dein
und dein reich
ein glanz im meer
der hut ein sonnenrad
schutz und schmuck zugleich
während an den hängen menschen
mit metalldetektoren
nach schätzen suchen
die du längst gefunden hast
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rückzug
in den schattenwurf
wo raureif
wächst
und käfer
bröseln
mit zugefrornen wimpern
die augen schwer
vor schwärze
pflücke ich
holunderbeeren
und distelsamen
am wegrand
und lasse sie
jenseits des nullpunkts
auf meiner zunge
keimen
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galicia
gleich einer barke aus stein
gekentert und ans ufer geworfen
trotzend den stürmen rauer winter
und warm im mittagslicht
pocht der fels unter mir
ein wesen ein tier geädert
durchströmt ertönt die ferne
vibration durch meine gebeine
wie alt bin ich? wo komme ich her?
bin ich alle die frauen
die jemals hier saßen und vergaßen
wer sie waren
um sich zu erinnern an fernes tief drinnen
barkentränen aller marien druidenkraut
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jeden morgen die gebeine
aus den laken sammeln, ordnen
knochen aufeinanderstellen
jeden morgen sehnen richten und muskeln
austarieren
alleine das aufstehen ein akt der komposition
von unten nach oben
jeden morgen ein kampf gegen die gravitation
ein ringen um den anfang von
allem was ein tag an ringen bringt
ohne zug aus dem erdkern
keine erste erfahrung von widerstand
besiegen können
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auf jeden fall hinausgehen
sich aussetzen
den temperaturen
und stimmungen
wohl wissend
passende kleidung
hilft
um zu weinen im regen
ohne nass zu werden
um zu staunen im schneeflockenwirbel
ohne zu frieren
um warm zu werden in der sonne
ohne sich zu verbrennen
zu anderen zeiten
ganz dringend
nass werden
frieren
brennen
ode an den waldboden
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im wald die fuge der zaunkönige
mehrchörig mit amseln und drosseln
von allen seiten wie in der goldgrünen
venezianischen basilika die sänger gabrielis
zwischen den baumstämmen ein mosaik
ein mandala
aus buchennüssen sauerklee veilchenblüten
das kind ordnet die elemente
zu vielstrahligem stern
mit heiligem ernst
als ob es wüsste
von den musterkreisböden
im fernen säulengewölbe
Stimmen:
Die Verbindung von Musikalität und Bildhaftigkeit hat mich sehr angesprochen. Besonders faszinierend sind die Gedichte, in denen Wahrnehmungen formuliert werden, ohne sie auszudeuten, als ob in einem Aquarell mit einem Filzstift Konturen eingefügt worden wären. (Manfred Papst)«fischfarbenprisma» heisst dieser Gedichtband, der das Mitleben in der Natur feiert, ohne dabei in schönfärberische Verzückung zu geraten. Es lauern da auch Vergänglichkeit und dunkle Abgründe. Und ganz viele Farben, die sich nicht eindeutig bestimmen lassen. (Thomas Binotto, Forum 04/2024)Auszeichnungen:
Preis des Zürcher Literaturhauses für Lyrik, 2019Hildesheimer Lesezeichen, 2021